Hoffnung im Kleinen.
- Nele Christin

- 13. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Zwischen uns eine Orange
Auf ihren Armen ein Kind
In ihrem Gesicht Ermüdung
Hinter uns ein Mann,
Der fragt, warum das nicht schneller geht
Ich greife nach der Orange
Sie ist aufgeplatzt und tropft
Das Kind schreit Der Mann auch
Ich glaube, auch die Mama weint Wenn auch nur innerlich
Es ist ihr anzusehen
An den Augenringen, der blassen Haut,
dem gelben Dreieck,
Das ihren Mund
Und ihre Nase ziert
Dass sie krank wird
Oder es schon ist
Wir stehen so da
Mit tropfender Orange
Und schreiendem Kind
Als die Kassiererin sagt:
Schon okay, ich kümmere mich
Sie spricht den Mann an,
er solle aufhören zu schreien
Reicht mir ein Tuch für meine tropfende Orange
Und dem Kind ein Güterseperationsprisma,
das voller Erstaunen, sein neues Spielzeug betrachtet
Der Mutter schenkt sie ein Lächeln
Es ist aufrichtig und nah
Es ist warm und anerkennend
Sie nickt ihr zu und sagt
,,Sie machen das gut‘‘
Jetzt weint die Mutter tatsächlich Aber nicht aus Überforderung, nein
Sie weint, weil sie gesehen wurde
Und ich nicke innerlich, weil ich verstehe
Und mir vornehme,
Öfters hinzusehen
Und so zu sein wie die Kassiererin
Ich sehe im Park eine alte Frau
Sie sitzt auf einer abgeblätterten Holzbank
Ich lächle sie an
Sie lächelt zurück
Und ich beschließe kurzerhand
Zu fragen
Ob ich mich zu ihr setzen kann
,,Seit mein Manfred gestorben ist, ist der Platz neben mir nie besetzt‘‘
Sie erzählt von Manfred und wie er sie nach dem ersten Date gefragt hat
Sie berichtet von Blumensträußen, Liebesbriefen und dass das Geheimnis
Einer langen Ehe darin besteht, nie aufzugeben, Vergebung zu leben
Und der Frau Recht zu geben. Immer.
Ich schmunzle und sie bedankt sich Sie hätte seit Tagen mit keinem so richtig geredet
Ich sei ein Hoffnungsschimmer für sie gewesen
Und ich verstehe, Hoffnung kann so einfach gehen
Die Frau bedankt sich und geht
Ganz langsam zieht sie von dannen
Ich atme den Moment noch kurz ein
Und steige in die nächste Bahn
,,Kann ich Ihr Telefon kurz haben?‘‘,
Fragt ein kleiner Junge
Etwas schüchtern und außer Atem
,,Ich muss meine Mama anrufen und ihr was Wichtiges sagen.‘‘
Der ältere Mann betrachtet den Jungen,
Der versucht nett und unschuldig zu gucken
Und wahrscheinlich ist er es auch
Nach ein paar Sekunden hat er das Handy
Des Fremden in seiner Hand
Und ruft seine Mama an
,,Ich danke Ihnen, es gibt noch gute Menschen‘‘
Sagt der Junge ein bisschen zu geschwollen,
als hätte er den Satz mal aufgeschnappt
und einfach nachgequatscht
Aber vielleicht ist das genau der Punkt
Die Hoffnung im Kleinen einfach nachzumachen
Sie weiterzutragen und zu multiplizieren,
Sodass wir alle etwas haben,
Das uns zum Hoffen bringen kann
Ich schaue aus dem Fenster
Und sehe die vorbeirauschende Stadt
Die vielen fremden Menschen,
Die sich gerade begegnen
Und freundlich miteinander sind
Ich sehe, wie eine Frau einem Opa über die Straße hilft
Ich sehe abgenommene Einkaufstüten und Erleichterung
Kellner, die etwas verschütten,
Und mit den Gästen gemeinsam darüber lachen,
Anstatt angepflaumt zu werden
Ich sehe ein aufgeschlagenes Knie eines Mädchens
Und das Hinhocken einer fremden Mama
Das Trösten und Kramen und Suchen und Finden
Nach Pflastern
In der Handtasche
Ich sehe kleines Zunicken und ein Hallo auf den Lippen
Von Passanten, die den Weg eng an eng überkreuzen
Ich sehe und glaube,
Dass sich diese Hoffnung weiterträgt
Dass das Gute nicht stehenbleibt,
Sondern sich ausweitet
Es muss nichts Großes sein
Das war die Situation an der Kasse,
auf der Bank und in der Bahn auch nicht
All die kleinen aufmunternden Momente
Zwischen den Fremden, waren innerhalb eines Tages
Klitzeklein,
Aber das Schöne ist,
Sie vermehren sich
Die Menschen, die Hoffnung erlebt haben,
Tragen sie hoffentlich weiter
An einen anderen Fleck der Welt
Sodass wir durch uns Menschen
Eine Hoffnungskette bilden
Wir sind alle miteinander verbunden
Zwischen einer aufgeplatzten Orange
Einem schreienden Kind auf dem Arm
Und einem fast noch lauter schreiendem Mann
Kannst du die Person sein, die zeigt: Hoffnung findet Halt im Kleinen

